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Chronik der Schützengesellschaft von 1792 Wesendorf e.V.

Schützenfest in Wesendorf seit 1792

Seit dem Jahre 1792 wird in Wesendorf alljährlich von der Bevölkerung des Dorfes mit großer Begeisterung das Schützenfest gefeiert. Diese Tatsache ist Anlass genug, rückblickend einmal die Stationen aufzuzeigen, die von der Gründung bis heute die Entwicklung der Schützengesellschaft geprägt haben. Diese Gelegenheit ruft ferner dazu auf, an besonderen Ereignissen und Bräuchen die Art und Weise des gemeinsamen Feierns, das Miteinander und das Leben in der Dorfgemeinschaft zu verdeutlichen.

Es gilt dabei auf Zeitabschnitte zurückzublicken, die zu einem bedeutenden Teil vom Auf und Ab der Weltgeschichte gekennzeichnet waren, durch die sich aber auch im wesentlichen die historische Entwicklung des Ortes darstellt. Vieles von dem, was sich in dem Jahr der Gründung und auch noch danach in Wesendorf und um die Schützenfeste zugetragen hat, kann nur erahnt und vermutet werden, manche Begebenheiten bleiben gar im völligen Dunkel. So auch in gewisser Weise die Ereignisse, die zur Gründung der Schützengesellschaft selbst geführt haben.

Aus einem Bericht vom 135jährigen Schützenfest mit Fahnenweihe im Jahre 1927 geht hervor, dass als eigentlicher Gründer der Schützengesellschaft Wesendorf Franz Ruhe gilt, der als Vizewachtmeister bei den Laibhusaren des Königs von Hannover in Diensten stand und 1792 in Wesendorf im Quartier gelegen hatte. Er weckte bei den Wesendorfern das Interesse zur Gründung einer Schützengesellschaft, die noch im selben Jahr ihr erstes Schützenfest feierte. Sein Engagement um die Gründung der Schützengesellschaft zeitigt noch einen weiteren Erfolg: Franz Ruhe erwies sich bei der Ermittlung des Königs als ein besonders guter Schütze und wurde somit erster Schützenkönig von Wesendorf. Bis 1945 war noch ein altes, silbernes Ehrenschild am Königsbandalier vorhanden, das die Jahreszahl „1792“ und den Namen „Franz Ruhe“ trug. In den wirren nach 1945 soll es dann verloren gegangen sein. Dieses Schild wurde, so geht es aus einer anderen Quelle hervor, seines Wertes wegen vom Generaloberst der Schützengesellschaft in einem Schrank der Realgemeinde aufbewahrt und „war dann irgendwann nicht mehr auffindbar“.

Wie auch immer das Königsbandalier ist mit seinen Ehrenschildern neben einigen wenigen und zudem spärlichen Aufzeichnungen die einzige historische Quelle, die einen – recht lückenhaften – Weg zurückweist in das vorige Jahrhundert.

Zahlreiche Schilder sind wegen ihres Silberwertes in den Tagen und Monaten nach den beiden Weltkriegen bedauerlicherweise abhanden gekommen. Das älteste noch vorhandene Ehrenschild aus dem Jahre 1839 trägt den Namen „Ernst Ruhe“ sowie einen gekrümmten Säbel und ein springendes Pferd. Diese Tatsache darf wohl als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Familie Ruhe noch bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts mit Wesendorf eng verbunden war.

Zwei weitere Ehrenschilder tragen die Jahreszahlen 1893 und 1894 und die Namen H. Könnecke und H. Meyer Westerholz. Das Schild von 1894 ist insofern recht interessant, als man daraus den Schluss ziehen kann, dass etwa bis zur Jahrhundertwende Wesendorf gemeinsam mit den Bewohnern der Nachbargemeinde Westerholz die Schützenfeste gefeiert hat. Das bestärkt auch die mehrfach vorsichtig geäußerte Vermutung, dass die Schützenfeste im Wechsel in Wesendorf und Westerholz stattgefunden haben sollen.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts ist es schließlich möglich, die Namen fast aller Wesendorfer Schützenkönige nachzuweisen. Ein achteckiger Stern aus dem Jahre 1900 trägt den Namen Heinrich Salig, mit dem die lange Reihe der Schützen-Majestäten bis in die heutigen Tage ihren Anfang nimmt. Lediglich die ‚Jahre 1902 bis 1904 bleiben unbesetzt. Keine der zur Verfügung stehenden Quellen konnte über die Könige dieser Jahre Auskunft geben.

Nach Heinrich Salig errang Heinrich Bührke 1901 die Würde eines Schützenkönigs. Klangvolle alte Wesendorfer Familiennamen zieren die Ehrenschilder am Königsbandalier in den Jahren 1905 bis 1914 und auch danach. Letzter Schützenkönig vor dem ersten Weltkrieg war Christian Meyer, der bereits Anfang 1915 gefallen ist. Bis 1923 sollte es schließlich dauern, ehe sich wieder engagierte Männer in Wesendorf zusammenfanden, um die Tradition der Schützenfeste fortzusetzen. In Vertretung für seinen gefallenen Bruder führte Heinrich Meyer (Nr.45) die Schützen in diesem Jahr als König an und übergab während der Festtage die Königskette an Karl Salig, der als neue Majestät ermittelt worden war.

Von nun an traf man sich in dem seinerzeit 300 Einwohner zählenden Heidedorf alljährlich zum beliebten Schützenfest, des neben der Fasselfeier im Winter das einzige echte Dorffest jener Tage war.

Besondere Erwähnung verdient bereits an dieser Stelle ein Ereignis aus dem Jahr 1927. Am 29. Und 30. Mai feierte die Wesendorfer Schützengesellschaft ihr 135jähriges Bestehen, verbunden mit einer Fahnenweihe. In einer Pressenotiz aus der damaligen Zeit heißt es: „Der Einladung der Schützengesellschaft waren auswärtige Vereine, auch aus den Kreisen Gifhorn (Wesendorf gehörte Damals noch zum Kreis Isernhagen) und Celle, gern gefolgt. Allein zehn Vereine waren mit Fahnen erschienen, der Schützenverein Wahrenholz sogar mit eigener Musikkapelle.“ Und weiter war zu lesen: „Vor dem Festlokal, der Gastwirtschaft Ridder, stellten sich die Schützen zum Umzug durch das Dorf auf. Das Kommando führte Herr Gemeindevorsteher Sander, hoch zu Ross in der Uniform der ehemaligen Totenkopfhusaren. Die Spitze in dem großen Festumzug bildete eine Reitergruppe, teils in historischen Uniformen, teils auch eingekleidet wie die Kavalleristen in der Vorkriegszeit. Am Gedenkstein begrüßte Lehrer Hagemann im Namen der Schützengesellschaft die Gäste. Er ist erfreut, dass nach den Regentagen der Wettergott freundlich ist und das die Gäste durch ihr Erscheinen bekunden, Interesse am Schützenfest zu haben. Ist doch das Schützenfest das Fest, welches im deutschen Volk an erster Stelle steht.“

Die neue Fahne wurde aus Anlass der Jubiläumsfeierlichkeiten geweiht mit den Worten: „Möge sie allen, den Schützen und der Jugend, ein Ansporn sein, einzutreten für ihr Vaterland. Möge sie alle zu wahren Vaterlandsfreunden erziehen, eingedenk des Wahlspruchs auf dem Fahnentuch, Klar das Auge, fest die Hand, treu das Herz fürs Vaterland.“ Schützenkönig wurde in diesem Jubiläumsjahr Friedrich Hildebrandt.

Ernst Sander, ehemals Rechnungsführer der Schützengesellschaft, hat aufschlussreiche Aufzeichnungen über die Abrechnung des Schützenfestes und der Fahnenweihe aus dem Jahre 1927 hinterlassen. Danach betrugen die Einnahmen 1706,35 Reichsmark und die Ausgaben 1444,55 Reichsmark. Die Fahne wurde von der Fahnenfabrik Brösche und Brodmann in Hildesheim angefertigt. Sie hat 410 Reichsmark gekostet. Etwas mehr als 200 Reichsmark hat die Musikkapelle Niebuhr aus Hankensbüttel erhalten, für die allerdings während der beiden Schützenfesttage für Freibier und Essen noch weitere 65,90 RM ausgegeben werden mussten. Für die Königsscheibe, angefertigt von Tischlermeister Krause und Maler Hildebrandt, mussten 11 RM aufgewendet werden.

Dazu einige Zahlen zum Vergleich: Den Einnahmen beim Schützenfest 1950 in Höhe von 2368 DM (1959:14185,90 DM) standen Ausgaben von 1454,65 DM (1959: 13201 DM) gegenüber. Die Einnahmen resultierten in erster Linie aus Beiträgen der Schützen, die offenbar beim Schützenfest kassiert wurden, aus Eintrittsgeldern, aus Standgebühren einiger Buden sowie aus den Einsätzen beim Preisschießen. Aussagekräftig sind die Aufzeichnungen über die Ausgaben beim Schützenfest 1950, aber auch in den nachfolgenden Jahren. Teuer war auch vor mehr als dreißig Jahren bereits die Musik (500 Mark für zwei Tage!), der König erhielt 250 Mark als Königsgeld. Gemeindesteuern, Getränke, Scheiben und Munition sowie Sträuße und Anzeigen in den Tageszeitungen sind weitere wichtige Posten. Interessant sind jedoch zwei Hinweise auf der Ausgabenseite: Da die Offiziere sich zum Schützenfest in besonders schmucken Uniformen zeigten, diese aber in der  Schützengesellschaft (noch) nicht vorhanden waren, mussten sie von außerhalb geliehen werden. Dafür musste eine Leihgebühr entrichtet werden, und die Frachtkosten hatten ebenfalls die Schützengesellschaft zu tragen. Unkosten verursachte außerdem das Ausleihen von Gewehren für das König- und Preisschießen. Zehn bis fünfzehn Mark mussten dafür angelegt werden.

Einen weiteren bedeutenden Einschnitt in den Fortgang der Schützenfeste und die Weiterentwicklung der Schützengesellschaft brachte das Jahr 1939 mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges. Wiederum im Mai feierte die Bevölkerung des Dorfes ihr Schützenfest. Es sollte das letzte vor dem folgenschweren Krieg sein, und viele, die noch in diesem Frühjahr in unbeschwerter Ausgelassenheit dabei waren, kehrten nicht wieder in die Heimat zurück. August Hagemann, seit vielen Jahren Lehrer im Ort, wurde in diesem Jahr Schützenkönig. Er behielt die Königswürde gleich für elf Jahre, denn erst 1950 konnte – nach Krieg und Notzeiten – in Wesendorf wieder ein Schützenfest veranstaltet werden. Der damalige Bürgermeister Heinrich Sander, der schon 1927 das Kommando führte, gab 1950 den besten Schuss auf die Königsscheibe ab und leitete damit zugleich einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Wesendorfer Schützengesellschaft ein, der bis heute ungestört von unerfreulichen äußeren Einflüssen erfolgreich verlaufen ist.

Quelle: Chronik, Schützengesellschaft Wesendorf 1792-1992, Wie es war und wie es ist, von Reinhard Buhr.

Fortsetzung folgt.